Als ich 2017 das erste Mal zu einem Kreidestaub-Treffen in Mainz ging, hatte ich vor allem eins: viele Fragen und noch mehr Kritik am Bildungssystem. Heute, sieben Jahre später, unterrichte ich an einer Integrierten Gesamtschule in Hessen die Fächer Englisch, Gesellschaftslehre und Sport – und habe aus der Kritik konkrete Projekte gemacht.
Dieser Blog entsteht, weil ich in den letzten Jahren eine wichtige Erkenntnis gemacht habe: Bildungspolitik braucht Menschen, die sowohl das System von innen kennen als auch den Mut haben, es zu verändern. Die meisten Diskussionen über Schule finden entweder auf sehr abstrakter politischer Ebene statt oder versanden in Einzelanekdoten aus dem Lehrerzimmer. Beides wird der Komplexität nicht gerecht.
Mein Weg – oder: Wie aus Protest Projekte wurden
Während meines Studiums habe ich das Format „Lernreise“ für Studierende anrechenbar gemacht und in ein Regelstudienseminar übertragen. Die Idee dahinter ist einfach: Studierende machen sich auf die Reise zu gelingenden Schulen. Sie erleben, dass gute Schule möglich ist – nicht nur in der Theorie, sondern ganz praktisch. Mittlerweile haben hunderte Studierende an verschiedenen Universitäten diese Erfahrung gemacht.
Parallel dazu entstand das Projekt Digitalität, basierend auf Lernreisen zur Ernst-Reuther-Schule in Karlsruhe, der Allemannenschule Wutöschingen und der Projektschule Goldau in der Schweiz. Hier geht es um eine zentrale Frage: Welche pädagogische Haltung brauchen Lehrkräfte, damit digitale Transformation in Schulen gelingt? Denn wie der Mediendidaktiker Axel Krommer bereits 2005 feststellte: Wer glaubt, Unterrichtsziele seien medienunabhängig festlegbar, ist möglicherweise blind für den eigentlichen didaktischen Mehrwert digitaler Medien.
Heute habe ich die Rollen gewechselt: Als Lehrkraft an einer reformpädagogisch arbeitenden Schule begrüße ich selbst interessierte Studierende. Der Kreis schließt sich – aber das ist erst der Anfang.
Warum dieser Blog?
In meinen Texten für das Deutsche Schulportal schreibe ich über konkrete Herausforderungen des Lehreralltags. Beim Thema Teilzeit beispielsweise ging es mir nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern um eine grundsätzliche Frage: Wie können wir Rahmenbedingungen schaffen, die qualitätsvollen Unterricht ermöglichen, statt junge Lehrkräfte systematisch zu überfordern?
Diese Herangehensweise möchte ich hier erweitern. Bildungspolitik muss praxistauglich sein. Sie braucht Menschen, die verstehen, was in Klassenzimmern passiert, und gleichzeitig den Blick für große Zusammenhänge haben. Meine Fächer helfen dabei: Gesellschaftslehre schärft den Blick für politische Strukturen, Englisch öffnet internationale Perspektiven, und Sport zeigt, wie wichtig die Balance zwischen analog und digital ist.
Worum es gehen wird
In diesem Blog werde ich bildungspolitische Forderungen entwickeln – aber immer mit Bezug zur Schulrealität. Es geht um Lehr- und Lernideen innerhalb der Kultur der Digitalität, um strukturelle Veränderungen und um die Frage, wie wir eine Bildung gestalten können, die junge Menschen auf eine Zukunft vorbereitet, die wir noch nicht kennen.
Dabei will ich weniger jammern und mehr konstruktive Vorschläge machen. Denn ich habe gelernt: Kritik ohne Alternative ist nur Meckern. Projekte wie Prinzip Lernreise oder Projekt Digitalität zeigen, dass Veränderung möglich ist – wenn man sie konkret angeht.
Was anders sein soll
Zu oft bleiben bildungspolitische Diskussionen in Lagerkämpfen stecken: hier die Traditionalisten, dort die Digitalisten. Hier die Theorie, dort die Praxis. Hier die Politik, dort die Schulen. Diese künstlichen Trennungen helfen niemandem weiter.
Stattdessen brauchen wir Menschen, die übersetzen können: zwischen Universität und Schule, zwischen studentischen Idealvorstellungen und Verwaltungsrealität, zwischen digitalen Möglichkeiten und pädagogischen Notwendigkeiten.
Ich möchte mit diesem Blog dazu beitragen, diese Brücken zu bauen. Nicht als Besserwisser, sondern als jemand, der täglich erlebt, wo das System knirscht – und der gleichzeitig weiß, dass Veränderung möglich ist.
Denn am Ende geht es um eine einfache Frage: Wie können wir Schule so gestalten, dass sie allen Beteiligten gerecht wird – Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und der Gesellschaft?
Let’s talk.