Marcel Georg

Eine Bildungsinitiative zur Zukunftsgestaltung der Lehrerausbildung

Das Projekt

„Prinzip Lernreise“ repräsentiert eine innovative, studentisch geführte Bildungsinitiative, die eine wahrgenommene Lücke in der traditionellen Lehrerausbildung schließt. Das Projekt, das aus der Berliner Studierendeninitiative Kreidestaub hervorgegangen ist, hat sich zu einem akademisch anerkannten, fünfteiligen Programm entwickelt, das Theorie und Praxis auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Im Kern besteht das Konzept aus einer 12-tägigen, selbstorganisierten Reise zu als vorbildlich geltenden Schulen in Deutschland, eingebettet in ein vorbereitendes Seminar und ein nachbereitendes Wochenende. Diese Struktur ermöglicht es Lehramtsstudierenden, durch direkten Kontakt mit inspirierenden Vorbildern und intelligenten Lösungsansätzen für die Herausforderungen des Schulalltags, eine fundierte Vision für eine „gute Schule“ zu entwickeln.

Der strategische Wert des Projekts liegt in seiner einzigartigen Positionierung als Bottom-up-Innovation, die nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zum bestehenden Universitätsstudium dient. Durch die Vergabe von Leistungspunkten an Partneruniversitäten wie der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Potsdam ist das Projekt über eine bloße Exkursion hinausgewachsen und hat sich als tragfähiges, akademisches Format etabliert. Die Organisationsstruktur fungiert dabei nicht als Reiseveranstalter, sondern als eine Art „Sozial-Franchise“, die das methodische Handbuch, die Erfahrungen und das Netzwerk bereitstellt, um anderen Standorten die Umsetzung einer eigenen Lernreise zu ermöglichen. Dieser Ansatz, unterstützt durch strategische Partnerschaften mit der Deutschen Schulakademie und namhaften Stiftungen, gewährleistet die Skalierbarkeit, Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit des Projekts, das einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung von Best Practices und zur Ausbildung visionärer und handlungsfähiger Lehrkräfte leistet.

1. Projektgrundlage: Der strategische Imperativ und die Kernphilosophie

Das „Prinzip Lernreise“ wurde als direkte Reaktion auf eine systematische Unzulänglichkeit in der traditionellen deutschen Lehrerausbildung ins Leben gerufen. Die gängige Hochschulausbildung wird oft kritisiert, da sie sich fast ausschließlich auf Fachwissen und theoretische Aspekte des Unterrichts konzentriert.1 Dabei werden wichtige Aspekte des modernen Schulalltags, wie Schulentwicklung, Teamarbeit, Inklusion, Partizipation und Elternkommunikation, oftmals nur unzureichend behandelt.1 Diese Lücke in der praktischen Vorbereitung führte 2013 zur Gründung der studentischen „Kreidestaub Initiative“ in Berlin, die neue Lernformate erproben wollte, die ihnen im Studium fehlten.2

Die Initiative entwickelte als Antwort die „Lernreise“, ein neues Format, das die traditionelle Ausbildung durch eine praxisnahe, erfahrungsbasierte Komponente ergänzt.2 Das Kernkonzept besteht aus einer 12-tägigen, selbstorganisierten Exkursion, bei der kleine Studentengruppen von bis zu 16 Personen einige der interessantesten und erfolgreichsten Schulen Deutschlands besuchen.2 Der langfristige Zweck des Projekts ist die Etablierung einer bundesweiten Kultur unter angehenden Pädagogen, in der das Besuchen von positiven Beispielen aus der Praxis zu einer selbstverständlichen Norm wird.1 Dabei steht die Institutionalisierung des Konzepts als anerkannte Universitätsveranstaltung mit der Möglichkeit zum Erwerb von Leistungspunkten im Vordergrund.1

Das Projekt ist eine typische Bottom-up-Innovation. Anstatt dass eine zentrale Institution die Lehrpläne reformiert, ist die „Lernreise“ als Graswurzelbewegung aus dem Bedürfnis der Studierenden selbst entstanden, eine als mangelhaft empfundene Ausbildung zu verbessern. Diese Herangehensweise verleiht dem Projekt eine hohe Authentizität und Relevanz, da es eine direkt von den Betroffenen entwickelte Lösung für ein verbreitetes Problem im Bildungssektor darstellt. Gleichzeitig ist die strategische Positionierung als Ergänzung, nicht als Ersatz für die bestehende Ausbildung, von entscheidender Bedeutung. Durch die Formulierung als wertvolle „Ergänzung“ zu den traditionellen Curricula 1 wird das Projekt für Universitäten deutlich attraktiver, da es ihr bestehendes Angebot bereichert, anstatt eine vollständige Umstrukturierung zu fordern.

2. Das Lernreise-Modell: Ein phasenbasiertes operatives Konzept

Die „Lernreise“ ist weit mehr als eine einfache Exkursion; sie ist ein professionelles, strukturiertes und wiederholbares Programm, das aus einem Dreiklang von Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung besteht.2 Die gesamte Methodik wird in einem eigenen Handbuch detailliert beschrieben und ist in fünf Phasen unterteilt, die den gesamten Prozess von der initialen Idee bis zur möglichen dauerhaften Implementierung an einer Hochschule begleiten.4

Die fünf Phasen gliedern sich wie folgt:

  • Phase 1: Die Idee: Diese Phase beinhaltet die grundlegende Vermittlung des Konzepts und der Ziele der Lernreise, die Erläuterung der Rolle der Gruppenleitung und die Organisation eines Informationsabends.4
  • Phase 2: Das Vorbereitungsseminar: Dies ist die intensivste Planungsphase, die sich über sieben, jeweils vierstündige Sitzungen im Semester erstreckt.2 Die Teilnehmer nähern sich hierbei wissenschaftlich der Frage nach einer „guten Schule“ an und werden in qualitativen Beobachtungsmethoden geschult.2 Gleichzeitig übernehmen sie die gesamte organisatorische Planung, einschließlich der Schulauswahl, Routenplanung, Unterkunftssuche und Finanzierung.2 Ein wichtiger Aspekt ist zudem die Schulung von Soft Skills wie Feedbackkultur, Kommunikation und Entscheidungsfindung.2
  • Phase 3: Die Lernreise: Die 12-tägige Reise in der vorlesungsfreien Zeit bildet das Kernstück des Projekts. Die Gruppe besucht in dieser Zeit circa sechs selbst ausgewählte, vorbildliche Schulen, die oft mit Auszeichnungen wie dem Deutschen Schulpreis gewürdigt wurden.2 Die Besuche umfassen die Beobachtung des Unterrichts, Einblicke in innovative Konzepte und intensive Gespräche mit Verantwortlichen, Schülern und Mitarbeitern.2
  • Phase 4: Die Nachbereitung: Nach der Reise findet ein abschließendes Wochenende statt, in dem die gemachten Erfahrungen vertieft und in Bezug zu persönlichen Visionen und aktuellen Debatten in der Schulentwicklung gesetzt werden.2
  • Phase 5: An der Hochschule: Diese finale Phase richtet sich an diejenigen, die das Konzept permanent an ihrer Universität etablieren möchten, und bietet Ratschläge für die nächsten Schritte.4

Das Prinzip der Selbstorganisation ist kein bloßes logistisches Mittel, sondern ein grundlegender pädagogischer Ansatz. Indem die Teilnehmenden die volle Verantwortung für die Planung, Organisation und Finanzierung ihrer Reise übernehmen, entwickeln sie zwangsläufig entscheidende Fähigkeiten wie Teamwork, Problemlösung, Kommunikation und Führungsqualitäten.1 Das Projekt fungiert somit als ein praxisorientierter Mikrokosmos, der die angehenden Lehrkräfte auf die umfassenden und vielfältigen Herausforderungen des Schulalltags vorbereitet. Die Erwähnung des „Hütchenprinzips“ im Handbuch 4, auch wenn die Details nicht explizit dargelegt werden, deutet auf einen hohen Grad an Prozessreife und methodischer Intentionalität hin. Dies positioniert das Projekt nicht als informelles Studententreffen, sondern als ein formalisiertes, wiederholbares und professionell entwickeltes Programm.

Eine detaillierte Aufschlüsselung der Phasen verdeutlicht die methodische Tiefe des Projekts:

PhaseDauerHauptaktivitätenWesentliche Lernergebnisse
Die Idee1 InformationsveranstaltungVerständnis des Konzepts, Rollenverteilung, Findung der GruppeÜberblick über das Projekt, Kennenlernen der Teilnehmenden
Vorbereitungsseminar7 Sitzungen (je 4 Std.)Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit „guter Schule“, Projektorganisation, TeamentwicklungMethodische Vorbereitung auf Schulbesuche, Stärkung von Planungs- und Sozialkompetenzen
Die Lernreise12 bis 14 TageBesuch von ca. 6 vorbildlichen Schulen, Beobachtung, intensive Gespräche, DokumentationDirekte Einblicke in erfolgreiche Schulkonzepte, Entwicklung einer persönlichen Vision
Nachbereitung1 WochenendeVertiefung der Erfahrungen, Reflexion in Bezug auf die eigene pädagogische ZukunftKonsolidierung des Gelernten, Verknüpfung mit aktuellen Debatten
An der HochschuleLangfristigEtablierung des Konzepts als universitäres FormatÜbernahme von Multiplikatorfunktionen zur Förderung von Bildungsinnovation

3. Das Organisations- und Partnerschafts-Ökosystem

Der Erfolg des Projekts „Prinzip Lernreise“ beruht maßgeblich auf seiner klugen Organisationsstruktur und einem starken Netzwerk strategischer Partnerschaften, die ihm Glaubwürdigkeit und Skalierbarkeit verleihen. Das Projekt ist aus der Kreidestaub Initiative hervorgegangen und wird weitgehend ehrenamtlich von Studierenden getragen.2 Es existiert eine Unterscheidung zwischen den lokalen „Kreidestaub-Standorten“ (den einzelnen Universitäten) und einem überregionalen „Bundesplenum“.3

Eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen ist die bewusste Abgrenzung als Nicht-Reiseveranstalter. Die Organisation betont ausdrücklich, dass ihr Zielpublikum nicht die einzelnen Teilnehmenden einer Lernreise sind, sondern vielmehr Personen, die das Projekt an ihrer eigenen Universität initiieren, anbieten oder leiten möchten.3 Dieser Ansatz beschreibt ein „Meta-Projekt“-Geschäftsmodell, bei dem das eigentliche Produkt nicht die Reise selbst, sondern das methodische Handbuch, die gesammelten Erfahrungen und das Unterstützungsnetzwerk sind. Dieser Ansatz ermöglicht eine hohe Skalierbarkeit ohne den direkten operativen Aufwand eines Reiseunternehmens.

Die Glaubwürdigkeit des Projekts wird durch eine Reihe hochkarätiger Partnerschaften untermauert.5 Seit 2017 besteht eine Kooperation mit der 

Deutschen Schulakademie, einer bundesweiten Organisation für Schulentwicklung.5 Diese Zusammenarbeit stärkt das Projekt durch die Bereitstellung von personellen und finanziellen Ressourcen, fachlichem Know-how und Zugang zu einem breiten Netzwerk von Best-Practice-Schulen. Die akademische Validierung erfolgt durch die Partnerschaften mit der 

Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Potsdam. Die HU war der Ursprungsort der Initiative und unterstützte das Projekt über vier Jahre hinweg mit Lehraufträgen und einer studentischen Hilfskraftstelle.5 Die UP stellte dem Projekt seit 2015 Unterstützung in Form von Personal, Räumlichkeiten, organisatorischem Beistand und Beratung bei der Anerkennung von Studienleistungen zur Verfügung.5Zusätzlich zu diesen institutionellen Partnern erhielt das Projekt finanzielle und ideelle Unterstützung durch Stipendien des 

PEP-Programms (Programm Engagement mit Perspektive) und einen Förderpreis vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.5 Diese externe Anerkennung unterstreicht den gesellschaftlichen Nutzen und den innovativen Charakter der Initiative.

4. Operative Logistik und Finanzmodell

Die operative Durchführung des Projekts ist bewusst so gestaltet, dass sie eine hohe persönliche Beteiligung der Teilnehmenden erfordert. Das Zeitengagement übertrifft das eines typischen universitären Seminars, da es die sieben Vorbereitungstermine, die 12-tägige Reise und das Nachbereitungs-Wochenende umfasst.2

Das Finanzmodell des Projekts ist auf gemeinsame Verantwortung und größtmögliche Zugänglichkeit ausgelegt. Obwohl die genauen Kosten nicht im Voraus festgelegt werden können, lag der persönliche Beitrag pro Person in den letzten Jahren zwischen 50 € und 150 €, was alle Kosten für Transport, Verpflegung und Unterkunft abdeckte.2 Eine Kernphilosophie des Projekts ist es, die Teilnahme unabhängig von der finanziellen Situation der Studierenden zu ermöglichen; es werden individuelle Lösungen gefunden, falls ein Teilnehmer die Kosten nicht tragen kann.2 Die Finanzierung erfolgt oft durch eine Mischung aus Eigenbeiträgen und Spenden, wobei einige Gruppen die Reise sogar komplett kostenfrei durch Crowdfunding-Aktionen realisieren konnten.2 Diese Crowdfunding-Aktivitäten haben nicht nur einen finanziellen Zweck, sondern dienen auch als gemeinschaftsstiftendes Element, bei dem die Gruppe zusammenarbeitet, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Das niedrige Kostenmodell ist eine direkte Folge des selbstorganisierten und ehrenamtlichen Ansatzes.

5. Akademische Integration und Anerkennung

Die Fähigkeit, akademische Leistungspunkte (LP) zu vergeben, ist der wichtigste Faktor für die institutionelle Legitimität und Skalierbarkeit des Projekts.1 Ohne diese Anerkennung bliebe die Initiative eine informelle Aktivität. Die Tatsache, dass führende Universitäten in Deutschland spezifische Wege für die Anrechnung von Studienleistungen geschaffen haben, beweist, dass sie den akademischen Wert und die methodische Strenge der „Lernreise“ anerkennen. Dies macht das Projekt zu einem attraktiven und validen Angebot für andere Hochschulen.

Die folgende Tabelle gibt einen detaillierten Überblick über die bestehenden Möglichkeiten der Anerkennung von Studienleistungen. Derzeit beziehen sich die Informationen nur auf die mit dem Projekt assoziierten Hochschulen im Raum Berlin und Potsdam:

UniversitätMöglichkeit der AnrechnungStudiengang/ModulLP (Leistungspunkte)
Humboldt-Universität zu Berlin (HU)Berufspraktisches PraktikumBachelor LehramtEntfällt
HULehrforschungsprojektMaster EWI-ModulEntfällt
HUInterdisziplinärer WahlbereichAlle Studiengänge5 LP
Freie Universität Berlin (FU)Praktikumsstunden (Hälfte)Individuelle AbspracheEntfällt
FUAllgemeine Berufsvorbereitung (ABV)Bachelor5 LP
FUWahlpflichtmodulMaster of EducationEntfällt
Universität Potsdam (UP)verschiedene ModuleMaster Lehramt, Grundschullehramt, InklusionspädagogikEntfällt
UPHauptfachBachelor ErziehungswissenschaftEntfällt

6. Strategischer Wert und wichtige Erkenntnisse

Das Projekt „Prinzip Lernreise“ ist eine vielschichtige Initiative, deren strategischer Wert über das bloße Angebot von praxisorientierten Exkursionen hinausgeht. Der Nutzen erstreckt sich auf verschiedene Stakeholder im Bildungsbereich:

  • Wert für Studierende: Teilnehmende entwickeln durch den direkten Kontakt mit positiven Beispielen eine „machbare Vision von einer guten Schule“.1 Das Projekt vermittelt entscheidende Soft Skills in den Bereichen Teamwork, Kommunikation und Selbstorganisation, die im traditionellen Studium oft zu kurz kommen.1 Es ermöglicht ihnen, inspirierende Vorbilder kennenzulernen und kreative Lösungen für reale Herausforderungen zu entdecken.2
  • Wert für Universitäten: Hochschulen können mit einem bewährten, strukturierten und studentenzentrierten Programm eine kritische Lücke in ihrer Lehrerausbildung schließen.1 Die Initiative stärkt den Ruf der Universität als innovative und zukunftsorientierte Bildungseinrichtung.5
  • Wert für den Bildungssektor: Das Projekt dient als effektiver Mechanismus zur bundesweiten Verbreitung von Best Practices aus vorbildlichen Schulen und fördert somit den systemischen Wandel im Bildungswesen.1 Es schafft einen Pool von zukünftigen Lehrkräften, die darauf vorbereitet sind, innovative Lösungen umzusetzen und die Schulentwicklung von innen heraus voranzutreiben.1

Das „Prinzip Lernreise“ ist somit mehr als ein Projekt; es ist ein skalierbares, akademisch fundiertes und sozial wirksames Konzept für die Zukunft der Lehrerausbildung. Sein Erfolg belegt die transformative Kraft studentisch geführter Innovationen, strategischer Partnerschaften und einer klar definierten Methodik, die angehende Pädagogen dazu befähigt, selbst zu Gestaltern des positiven Wandels im Bildungssystem zu werden.

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